Verteuerung der Kohlekraft aufgrund höherer Betriebskosten
Die Energieversorger argumentieren, dass die Energieerzeugung mittels Kohlekraft aufgrund der vergleichbar günstigen Herstellungskosten auch in Zukunft unverzichtbar sei. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Arrhenius Instituts für Energie- und Klimapolitik verdeutlicht hingegen am Beispiel des geplanten Kohlekraftwerks in Mainz, dass die Wirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Die Rahmenbedingungen, auf denen die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung des geplanten Kraftwerks basierte, haben sich geändert. Neben den oben angeführten Preissteigerungen aufgrund geringerer Volllaststunden sind als weitere Kostenfaktoren höhere Brennstoffkosten und die Kosten für CO2-Zertifikate im Rahmen des europäischen Emissionshandels (EHS) anzuführen, die sich negativ auf die zukünftige Rentabilität von Kohlekraftwerken auswirken. Für beide Faktoren ist eine genaue Prognose der zukünftigen Kostenentwicklung nicht möglich, da diese einer Reihe von langfristig unsicheren Ausgangsbedingungen und komplexen weltwirtschaftlichen Zusammenhängen unterlegen sind (u.a. Kostenentwicklung und Verfügbarkeit alternativer Energieerzeugungsoptionen, politisch definierte Klimaziele und Klimaschutzinstrumente, Ressourcenverfügbarkeit, Wechselwirkungen zwischen Strom-, CO2- und Brennstoffpreis, weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen, vgl. Matthes et al. 2008). Der zukünftige Zertifikatspreis wird insbesondere davon abhängen, ob die politischen Vorgaben zur Emissionsobergrenze (Cap) nach 2020 eine strikte Treibhausgasminderung im Rahmen des EHS verlangen. Zahlreiche Studien belegen, dass insgesamt von einem deutlichen Anstieg der Stromgestehungskosten von Braun- und Steinkohlekraftwerken auszugehen ist (Nitsch 2008, RETD 2007, Schumacher/Matthes 2008, Wissel et al. 2008).
Verteuerung aufgrund höherer Brennstoffpreise
Derzeit verfügbare Prognosen über zukünftige Brennstoffpreisentwicklungen weichen stark voneinander ab (z.B. EIA 2007, EWI/Prognos 2005, IEA 2007, Nitsch 2008, Wissel et al. 2008): Für Steinkohle gehen die Vorhersagen für das Jahr 2030 von einem Absinken der Preise frei Kraftwerk (in €/GJ) um etwa 20% bis zu einer Verdoppelung gegenüber 2005 aus. Dies verdeutlicht, dass bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von neuen fossilen Kraftwerken verschiedene Preisszenarien berücksichtigt werden müssen. Angesicht der starken Anstiege und Schwankungen des Ölpreises seit 2006 und der weltweit steigenden Nachfrage nach fossilen Energieträgern empfiehlt sich jedoch die Annahme von vergleichsweise höheren Preisszenarien: „Die Preise für Erdgas und Kohle sind auf einem so hohen Niveau, dass sie momentan jegliche zuvor getroffene Prognosen bei weitem übertreffen“ (Wiese 2008, S. 64f.). Unter Annahme eines aus heutiger Sicht wahrscheinlichen Anstiegs der Brennstoffpreise (Preispfad B des Leitszenarios) wird sich der Brennstoffpreis von Steinkohle bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2007 verdoppeln (von ca. 2,6 auf 5 €/GJ), während der Braunkohlepreis von 1,1 auf 1,3 € steigt[1]. Auf Grundlage dieser Daten betragen die Stromgestehungskosten von neuen Steinkohlekraftwerken bei einer Auslastung von 5000 h/a im Jahr 2030 etwa 5,8 ct/kWh (2007: 4,5 ct) und von neuen Braunkohlekraftwerken etwa 3,6 ct (2007: 3,5 ct)[2]. Wenngleich ein zukünftiger Wettbewerbsnachteil gegenüber Erdgasstrom allein auf Grundlage der Brennstoffpreisentwicklungen nicht als wahrscheinlich gilt, führt die Verteuerung der Kohleverstromung dennoch zu einem teilweisen Verlust des heutigen Kostenvorteils gegenüber Strom aus Erneuerbaren Energien.
Verteuerung aufgrund höherer Zertifikatspreise
Noch deutlicher stellt sich der Verlust des Kostenvorteils dar, wenn die gesamtwirtschaftlichen Kosten einbezogen werden, die durch die hohe CO2-Intensität des Energieträgers Kohle und den damit verbundenen Auswirkungen auf das globale Klima verursacht werden (so genannte externe Effekte). Unter Annahme eines durchschnittlichen Schätzwertes der Schadenskosten durch CO2-Emissionen in Höhe von 70 €/tCO2[3] liegen die externen Kosten bei der Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern in der gleichen Größenordnung wie die betriebswirtschaftlichen (internen) Kosten. Bei einer vollständigen Internalisierung der externen Kosten verteuert sich die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle um etwa 6 bis 8 ct/kWh (Krewitt/Schlomann 2006, S. 35ff). Das Ziel des im Jahr 2005 eingeführten EHS besteht darin, diese Kosten den Verursachern der Treibhausgasemissionen aufzuerlegen und so zu einer flexiblen Reduktion beizutragen. Bislang liegen die Preise der Zertifikate allerdings deutlich unter dem Schätzwert, so dass die heutigen Marktpreise die „wahren“ volkswirtschaftlichen Kosten der Stromerzeugung nur unzureichend widerspiegeln. Mit der vollen Versteigerung der EHS-Zertifikate im Stromsektor ab dem Jahr 2013, aber insbesondere mit Absenkung des Caps an die ökologischen Notwendigkeiten, kann hingegen davon ausgegangen werden, dass sich der Zertifikatspreis zunehmend an die gesamtwirtschaftlich verursachten Kosten annähern wird[4]. Wenngleich auch hier keine genaue Preisvorhersage getroffen werden kann, gilt ein Zertifikatspreis von etwa 35 €/t CO2 im Jahr 2030 als mittlerer Schätzwert (20 € gilt als niedriger, 50€ als hoher Wert, vgl. Löschel/Moslener 2008, Nitsch 2008, RETD 2007, Schumacher/Matthes 2008).
Dieser Zusammenhang verdeutlicht, dass die Erneuerbaren Energien ebenso wie Erdgas bisher einem Wettbewerbsnachteil gegenüber CO2-intensiven Energieträgern wie Stein- und Braunkohle ausgesetzt waren, der in Zukunft ausgeglichen werden wird. Nach Erkenntnissen der Leitstudie des BMU werden die durchschnittlichen Stromgestehungskosten der Erneuerbaren Energien unter Berücksichtigung der CO2-Preisentwicklung und der Brennstoffpreisentwicklung ab 2020 (hoher Preispfad) bzw. ab 2025 (mittlerer Preispfad) niedriger liegen als bei fossilen Energieträgern: Strom aus Kohlekraft kostet im Jahr 2030 durchschnittlich bereits mehr als 7 ct/kWh (Steinkohle 8,1 ct / Braunkohle 6,5 ct, vgl. Nitsch 2008 Preispfad B), wobei eine weitere Kostenprogression in den Folgejahren zu erwarten ist. Auch im Vergleich zu Erdgas verteuert sich die Kohlekraft, wenn zukünftige Zertifikatspreise einbezogen werden: Nach Berechnungen des IER und unter Annahme der Preisprognose „Prognos Niedrigpreis“ ist Erdgasstrom ab einem Zertifikatspreis von etwa 22 €[5] kostengünstiger zu produzieren (Wissel et al. 2008). So kann gefolgert werden: „Die verbesserten Rahmenbedingungen für die Erdgasverstromung im Rahmen des Emissionshandelssystems führen also dazu, dass der wachsende Anteil erneuerbarer Energien vor allem zu Lasten der Kohleverstromung geht“ (Matthes et al. 2007, S.31).
Da die derzeit in Planung oder im Bau befindlichen Kohlekraftwerke eine durchschnittliche Laufzeit von 40 Jahren besitzen, werden sie langfristig von diesem Effekt betroffen sein. Zusammengefasst kann festgehalten werden: Auch wenn der Ausbau Erneuerbarer Energien zunächst Differenzkosten verursacht und als „teure“ Option erscheint, wird er langfristig zu einem „volkswirtschaftlich günstigen Ergebnis führen“ (Nitsch 2008, S. 120) und die Kohlekraft als bisher dominanten Energieträger ablösen.
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[1] Demgegenüber betragen die Brennstoffpreise für Steinkohle (Braunkohle) für das Jahr 2030 im Niedrigpreisszenario 3,6 (1,25) €/GJ und im Hochpreisszenario 7,0 (1,4) €/GJ, vgl. Nitsch 2008, S. 178.
[2] Hier wird der Effekt der höheren Brennstoffpreise auf ein neues Steinkohledampfkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung isoliert (ohne Einbeziehung von Zertifikatskosten oder CCS) betrachtet.
[3] Der „Stern-Report“ nennt 70 €/tCO2 als realistischen Wert.
[4] Es muss dabei allerdings davon ausgegangen werden, dass bereits heute ein Großteil der Kosten des Emissionshandels in die Strompreise eingepreist ist, so dass die zusätzliche Versteigerung – gegenüber der bis vor kurzem kostenlosen Vergabe – vermutlich nur geringfügige Preissteigerungen zur Folge haben wird. Erst eine weitere Absenkung des Caps dürfte einen weiteren deutlichen Preisschub mit sich bringen.
[5] In einer gemeinsamen Studie untersuchen PIK/WestLB (2009), wie sich verschiedene Brennstoff- und CO2-Szenarien auf die Stromgestehungskosten verschiedener Kraftwerkstypen auswirken. Danach liegt die Kostengrenze, bei der mit Erdgas kostengünstiger Strom erzeugt werden kann, je nach Szenario zwischen 30 und 60 €/tCO2 (für das Jahr 2020).