Ausgangslage

Die erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels ist eine der größten Herausforderungen in den kommenden Jahrzehnten und bringt daher dringenden Handlungsbedarf mit sich. Wiederholt hat der Rat der Europäischen Union das Ziel einer Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur um 2°C gegenüber vorindustriellem Niveau bekräftigt. Nach den Erkenntnissen des 4. Sachverständigenbe­richts des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change – IPCC) ist dieses Ziel nur zu erreichen, wenn die Industrieländer die von ihnen verursachten Treibhausgasemissionen im Vergleich zu den Werten von 1990 bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95% reduzieren. Explizites Ziel der Bundesregierung ist bislang zunächst eine Minderung von 40%[1] bis zum Jahr 2020. Eine grundle­gende Voraussetzung für das Erreichen der Klimaziele ist der Übergang zu einer nachhal­tigen Stromerzeugung, die Treibhausgasemissionen weitestgehend vermeidet (SRU 2009b).

Im deutlichen Widerspruch zu einer solchen „ökologischen industriellen Revolution“[2] steht hingegen der geplante Neubau von 29 konventionellen Stein- und Braunkohlekraftwerken in Deutschland, von denen nur 8 Projekte explizit als Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) vorgesehen sind[3]. Aufgrund der langen Regelbetriebsdauer kapitalintensiver Kohlekraftwerke von über 40 Jah­ren werden die heutigen Investitionsentscheidungen den Energiemix der Zukunft über viele Jahr­zehnte, mindestens jedoch bis 2050, strukturell festlegen – ein Erreichen der wissenschaftlich für notwendig angesehenen Reduktion bis 2050 ist dann nicht mehr denkbar. In Erwägung der nach­stehenden Gründe stellen wir die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit des Neubaus von Kohle­kraftwerken in Frage. Davon ausgenommen sind moderne Heizkraftwerke mit KWK-Technik, deren Wirtschaftlichkeit durch Wärmeerlöse und den KWK-Bonus in Einzelfällen voraussichtlich auch in Zukunft gesichert werden kann (Schumacher/Matthes 2008).

Unbestritten ist, dass die Kohlekraft mit einem heutigen Anteil von über 40%[4] an der deutschen Stromerzeugung auch in den nächsten Jahren zur Energiegewinnung beitragen wird. Grundsätzlich ist dabei zwischen der deutschen und der weltweiten Situation zu unterscheiden: Während die Kohlekraft weltweit (insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern) noch über mehrere Jahrzehnte einen wesentlichen Beitrag zur Energieerzeugung leisten muss, besteht in Deutschland keine Notwendigkeit für den umfangreichen Kraftwerksneubau: Die von den Energieversorgern oft zitierte „Stromlücke“ aufgrund des geplanten Atomenergieausstiegs kann den Ergebnissen verschiedener Studien zufolge statt mit dem Ausbau der Kohleverstromung über die Steigerung der Energieeffizienz, über den Ausbau Erneuerbarer Energien und der Kraft-Wärme-Kopplung, sowie über einen geringfügig höheren Anteil an Erdgasverstromung geschlossen werden (z.B. Bode et al. 2007, Bräuninger et al. 2005, Loreck 2008, Nitsch 2008, Matthes/Ziesing 2007, WBGU 2003). Deutschland kann als gewichtiger Industriestaat eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion einneh­men, wenn mit dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Verzicht auf den Neubau von Kohle­kraftwerken bei zugleich hohem Grad von Industrialisierung und Dienstleistungen heute der Über­gang in nachhaltige Strukturen geschaffen wird. Mit den geplanten Kraftwerksneubauten wird hin­gegen ein klimatisch unverträglicher Anteil der Kohlekraft bis weit über die Mitte dieses Jahrhun­derts hinaus fortgeschrieben. In sich stark verändernden Erzeugungsstrukturen unterliegt der Neubau damit (unter der Voraussetzung einer Weiterführung der jetzigen Klimaziele und des Ausbaus Erneuerbarer Energien) anderen Anforderungen als bisher.

Wir möchten aufzeigen, welche Rahmenbedingungen und strukturellen Zusammenhänge die Energie­erzeugung mittels Kohlekraft in Zukunft – insbesondere für einen Zeithorizont über 2020 hinaus bis 2050 – im Verhältnis zu Erneuerbaren Energien auf Basis heute verfügbarer Informationen verteuern bzw. unrentabel gestalten werden.

zurück zur Übersicht << | >> weiterlesen

[1] Dies steht unter der Voraussetzung, dass sich die EU zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen um 30% verpflichtet, was wiederum davon abhängt, ob sich international andere Staaten entsprechende Minderungspflichten auferlegen.

[2] Bundespräsident Köhler in seiner Berliner Rede vom 24. März 2009, http://www.bundespraesident.de/artikel-,2.653316/Berliner-Rede-2009.htm.

[3] Eine Liste der geplanten / im Bau befindlichen Anlagen ist verfügbar unter http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/klima_energie/kohlekraftwerke_stoppen/geplante_standorte/.

[4] 40% der Stromerzeugung entsprechen 278,5 Mrd. kWh (davon 128,5 Mrd. auf Steinkohle- und 150 Mrd. kWh auf Braunkohlebasis vgl. BDEW 2008, vorläufige Zahlen für 2008).